Die Welt wird immer fixer

von Udo Wolter
© 2001 (Erstveröffentlichung)

Er saß auf dem Sessel, sein Kopf und sein Körper waren in der Halterung verankert. Die Augen starrten geradeaus, hin und wieder zuckten die Augen auch. Der Stecker in seinem Nacken war warm und hin und wieder fühlte er ihn sogar. Der Kontrollmonitor neben dem Sessel hatte schon lange die gelbe Phase an. Das hatte er auch mitbekommen. Er bekam alles mit, wenn er wollte. Nur wollte er nicht immer. Seit 2 Tagen war er im System. Vor 20 Stunden hatte er es endlich geschafft. Seit Wochen hatte er Wege gesucht, wie er das System überlisten konnte. Immer wieder wurde er rausgeworfen, wenn die gelbe Phase länger als eine halbe Stunde aktiv war.

Aber dann hatte er bemerkt, daß er doch Zugriff auf die schöne neue Welt hatte. Er formte sich seine Umgebung, formte sein Paradies. Palmen und Meer. Endlose Strände. Sonne. Und dazu den ganzen Tag Party. Auch in der Nacht. Immer wenn er sich gerade wohl fühlte, war die Zeit rum. Die gelbe Phase fing an und einen Augenblick später (für ihn schien es ein Augenblick zu sein) flog er raus. Dann mußte er 6 Stunden warten, um wieder reingelassen zu werden. Sechs endlose Stunden, in denen er etwas aß und trank. Beim Wiedereinklinken war das System unverändert. Keine Palmen. Nichts von dem, was er geschaffen hatte. Mit seinem Rauswurf wurden auch seine Änderungen gelöscht. Folglich blieb ihm nur eins: So lange wie möglich durchhalten. Wenigstens hatten sie die Löcher nicht gefunden, durch die er Einfluß nehmen konnte.

Aber bis gestern mußte er seine Welt jedesmal neu bauen. Nur wegen den verfluchten Sicherheitsmaßnahmen ! Sicherheit ! So ein Quatsch, er fühlte sich in der Realität viel schlechter als im System !

Doch gestern hatte er es gesehen. Kurz vor der Gelb-Phase schien ein Riß in seinem Ozean zu entstehen, aus dem dann die Warnmeldungen auftauchten. Er sah die ganze Kontrollstation und wie sie im System verankert war. Die Träger waren einfach zu lösen und schließlich versank die Station zischend im Meer. Seitdem war nichts passiert. Zuerst hatte er ja Angst gehabt, daß ihn die VR-Miliz abholen würde. Aber es war stundenlang ruhig. Er installierte sich eine seiner besten Parties und feierte. Es war riesig ! Er hatte selten so viel Spaß gehabt, er mußte ja nur gewisse Rahmenbedingungen setzen, den Rest dachte sich das System für ihn aus. Die Sonne war den ganzen Tag über Warn-Gelb und auch der Mond hatte diese eigenartige Farbe angenommen. Das war ihm früher nie aufgefallen. Aber jetzt, wo er so lange im System war, da bemerkte er an vielen Flächen und Objekten das grelle Gelb.

Es war ihm aber egal. Das einzige, was ihn störte, war, daß er plötzlich müde wurde. Das war vorher noch nie passiert, Müdigkeit kannte er nur aus der Realität. Das Gefühl wurde schlimmer und schließlich gab er sich der Müdigkeit hin und schlief ein.

In seiner Wohnung schaltete der Kontrollmonitor die Farbe von Gelb auf Rot. Er fing an zu piepen. Eine Stunde später stürmte ein Trupp der VR-Miliz in die Wohnung. Der Leiter faßte den Stecker im Nacken an. Er war mittlerweile kalt. "Daß die das nicht begreifen, daß die Sicherheitsmaßnahmen für sie gemacht sind und nicht gegen sie..." sagte er.

Der Trupp verließ das Haus und die Leiche wurde in einem Sack im Fahrstuhl abgestellt. Draußen vor den grauen Hochhäusern holte ein Roboter den Sack ab und warf ihn zu den anderen.



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