O Du Fröhliche

von Udo Wolter
© 2002 (Erstveröffentlichung)

Er lag auf dem Boden und hörte das Lachen. Es wurde lauter, die Atmung war deutlicher zu hören. Dann ein Winseln. Luftholpause. Und dann ging es weiter. Gekreische wie auf einer Party. Es war schon verrückt, was sich der oberste Lachnerv neuerdings so ausgedacht hatte. Er stand auf und sprang wieder gegen die Wand. Der Aufprall war diesmal schwächer und er hatte das Gefühl, daß seine Haut bei der Berührung der Wand kribbelte: kein Schmerz, sondern Kitzeln. "Scheiße..." murmelte er. Also blieb ihm nur der Boden. Aber wenn das auch schief ging, dann würde er diese Nacht nicht überleben und als Drogentoter auf irgendwelchen Partyresten übrigbleiben. Ja, die Spaßgesellschaft hatte ihre eigenen Methoden. Er dachte über die letzten Tage nach, wie es dazu kommen konnte, daß er bald "angelacht" wurde. Bisher überlebten ja nicht viele das "Anlachen"...

An einem schönen Novembermorgen, die Blumen fingen an zu blühen, ging Allen aus dem Haus. Er setzte das obligatorische Lächeln auf und überquerte den schmalen Gang vom Haus zum davor geparkten Auto. "Na, Schneeballschlacht gefällig ?" rief sein Nachbar David. Was für ein Witzbold. Jeden Tag der gleiche Witz. Allen hatte es schon 50 oder 60 mal ertragen dürfen. Anfangs hatte er kreativ reagiert, aber das Gesetz belohnte Kreativität nicht, also mußte man sich auch keine Mühe geben. "Später, " rief Allen ihm zu, "Ich muß erstmal in die Stadt, einen Schneeschieber kaufen." Beide lachten gequält, denn die Antwort hatte sein Nachbar David bestimmt schon 30 mal gehört. Aber Allen konnte es sich nicht leisten, nicht zu lachen. Er hatte schon 3 Minuspunkte diesen Monat, was bedeutete, er mußte sich für den Rest der nächsten 3 Monate das Gesicht verrenken, um wieder auf Null zu kommen. Ansonsten würden sie ihn holen und seinen Witz "belustigen". Und das war das Letzte, was er wollte, denn er hatte schon eine "Belustigung" hinter sich.

Auf der Fahrt zur Arbeit grinste er an jeder roten Ampel. Einmal kurbelte ein Streifenwagen neben ihm das Fenster runter. Also mußte Allen mitspielen und öffnete ebenfalls sein Seitenfenster. Ein Polizist lachte ihn freudestrahlend an: "Kennen Sie den ? Kommt ein Mann in eine Bar, da fährt der Bus weg, AHAHAHAHA...!" Allen lachte fleißig mit und sagte grinsend: "Ja, der ist wirklich gut, zu schade, daß ich ihn schon kenne, aber trotzdem immer noch der Brüller !" Die Frechheit, der starken Hand des Staates entgegenzuhalten, sie erzähle alte Witze, wurde auch durch seinen Versuch, sich drüber kaputt zu lachen, nicht besser. Grinsend sagte der Cop: "Ich wette, jemand wie Du hat bestimmt einen Namen und einen Ausweis ? Oder bist Du der große Namenlose ? Hahaha !" Das sah nach einem weiteren Minuspunkt aus. Er wollte sich aber nicht kampflos ergeben. "Ich trage meinen Namen auf dem Schlauch, äh, ich meine Namen sind Schall und Rauch, hahaha !" antwortete Allen und gab dem Ordnungshüter seinen Ausweis. Dieser schob ihn durch seinen Mobilprüfer, der nur leicht ins Gackern kam. "Hm, " meinte der Blaukleidungsträger, "Das sieht ja verdammt lustig aus, was ich hier sehe ? 3 Minuspunkte ? Wohl die Schwiegermutter gestorben, was ? Haha, nein, dann wären es ja 3 Pluspunkte, ahahahaha !" Der bemütze Lachsack trug tatsächlich einen 4. Minuspunkt ein, gab Allen den Ausweis zurück und ging lachend zu seinem Fahrzeug zurück. "So ein Komiker..." hörte Allen ihn noch sagen, bevor der bunte Wagen mit dem bunten Clown-Geblinke weggefahren war. Manchmal fragte sich Allen, ob es an seinem Auto läge ? Einfach nur "Haha, die Welt ist lustig !" als Aufkleber reichte vielleicht doch nicht. Unter Umständen mußte er vielleicht doch in die Werkstatt, um sich ein paar lustige Utensilien, wie die Kuh-Hupe oder den rückwärtigen Anti-Auffahrspritzer, anbauen zu lassen. Aber die Juxos gingen diesen Monat rapide zur Neige und dabei war doch gerade erst der 20. Na, wenigstens war es Freutag und das Spaßende stand bevor. Da konnte er sich wenigstens in der Hütte verbarrikadieren, während draußen das Feuerwerk tobte.

Auf der Arbeit angekommen, parkte Allen seinen Wagen wie üblich, im kaputten Einschub. Dort war seit Wochen kein Gelächter mehr nach dem Aussteigen zu hören. Allen war darüber ganz glücklich gewesen, aber jetzt brüllte ihn eine Lachsalve an, die ihn fast umwarf. Mist, sie hatten den Einschub repariert ! Hoffentlich war niemandem aufgefallen, daß das quasi sein Stammplatz war. Er ging zum Fahrstuhl und drückte auf den Knopf. Ein Grinsen erschien auf dem Display und die Anzeige spielte verrückt. Schließlich kam der Fahrstuhl und Allen stieg ein.

"Haha, ich habe sein Zucken gesehen !" rief Frohsinn Jensen. Sein Vorgesetzter Jauchzer Faryar grinste von Ohr zu Ohr. "Na also, die Idee mit der hohen Lautstärke war doch schon sehr schön, höhöhö..." Jensen blendete um zur Fahrstuhlsicht. "Soll ich ihn anhalten und ihm Freude bereiten ?" Beide lachten wie verrückt. Faryar rieb sich eine Träne aus dem Auge und sagte: "Es ist schließlich unser Job, hihihi." Der Frohsinn drückte auf einen Knopf und im Fahrstuhl ging die Sprenkleranlage an. Gleichzeitig hielt er auch an und das Wasser stieg rapide an. Auf dem Display konnte man deutlich sehen, wie Allen sich bemühte, über den Scherz mitzulachen. Als das Wasser aber buchstäblich bis zum Hals stand, verlor er die Nerven und schrie vor Angst. Frohsinn und Jauchzer klopften sich auf die Schenkel und waren von Allens Gesicht geradezu überwältigt. "Ich jeijeijeijei..." stammelte Jensen, der sich Sorgen um seinen Rang als Frohsinn machte. Aber da auch Faryar als Jauchzer starke Probleme hatte, Luft zu bekommen, nahm er das Ganze nicht so ernst. Faryar drückte auf den Knopf zum Notteam und sagte: "Wir haben, ahahaha, wieder hihihi einen..." Als er den Knopf losließ, fiel er nach hinten um und krümmte sich am Boden vor Lachen.

Die Fahrstuhltür ging auf und das Wasser ergoß sich mit Allen zusammen auf dem Flur. Er wußte, das 2. Anlachen wäre keine "Belustigung" mehr. Das könnte sein Ende bedeuten, zumindest das Ende seines Bewußtseins. Die Spaßtruppen standen schon bereit, um ihn in Empfang zu nehmen. "Na, heute schon gelacht ?" sagte ein Mann, dessen Rang Allen als unteren Lächler am Grinsegesicht auf dem Helm erkannte. Die ganze angetretene Kompanie lachte und grinste, während sie ihn abführten. Was für eine Schmach, sein ganzes Büro konnte ihn nun sehen. Alle kicherten und glucksten vor sich hin. Er konnte noch ein paar Witzfetzen vernehmen: "...sagte Allen, als er aus dem Fahrstuhl kam ? Mieses Wetter draußen, bin ganz naß geschwitzt, hahaha..." Aber dann brachten sie ihn auch schon in das Funmobil, daß ihn zum Anlachen brachte.

Und hier war er nun. Die Zelle war sehr spartanisch. Hin und wieder öffnete sich eine Kachel und streckte ihm die Zunge raus. "Blblblbl, huaharharhar !" Der Ton war unmißverständlich. Aber er weigerte sich. Was könnte noch schlimmer kommen ? Er wollte einfach nicht mehr lachen. Die Lust war ihm hier drin ziemlich vergangen. Auch wenn ihn hin und wieder etwas unter den Füßen kitzelte.

Nach 2 Stunden ging die Tür auf und der Kicher stand in der Tür, um ihn abzuholen. Die schwarze Kapuze über seinem Kopf zierte ein Clownsgesicht. "Nahaha, wie wär's denn mit uns beiden, hm ?" Lachend schob sich der Koloß vorwärts, griff ihn am Kragen und schon ging es in den Comedy-Raum. Hier wurde er vor eine Leinwand gesetzt, um seine Reflexe zu testen. Wieviel Blödsinn war nötig, ihn zum Lachen zu bringen. Er versuchte sich zu konzentrieren. Bloß kein Zucken im Mundwinkel ! Nach 2 Stunden hatte er es überstanden, aber jetzt kam der fiese Raum: das Zwerchfell. Er würde wahrscheinlich darin sterben. Sie würden ihm das nicht durchgehen lassen, diese Respektlosigkeit vor dem Witz, die er im Comedy-Raum an den Tag gelegt hatte.

Der Kicher band ihn auf eine Liege und diverse Jokeinstrumente wurden von der Decke runtergelassen. Der Kicher nahm eine Hand unter seine Kapuze und tat so, als würde er seine Nase schneuzen. "Tut mir leid, aber der Tod von so lustigen Menschen geht mir immer so nahe." Dann brüllte er los vor lachen. Allens Angst wuchs ins Unermeßliche. Und dann ging es los. Die Federn an den Füßen zuerst. Sie kitzelten, aber er verzog keine Miene. Sie kitzelten stärker. Allen beherrschte alle Gesichtszüge. Der Kicher war auf einmal ganz ruhig geworden, man konnte nur ein Grinsen hinter seiner Maske sehen. "Na gut, dann nehmen wir Stufe 2. Harharhar." sagte der Kicher und legte einen Hebel um. Nun kamen zusätzliche Federn an die Seiten seines Körpers, die auf und ab strichen. Allen merkte, daß er es nicht mehr lange aushalten würde, aber eine gewisse Zeit schaffte er bestimmt noch. Schließlich kamen noch Federn dazu, die seine Beine, Arme und Hände kitzelten. Aber immer noch hielt Allen durch. Er fing an zu reden: "Damals, als mein Opa starb, hätte ich vor Verzweiflung Tage durchheulen können. Es war so schlimm..." Der Kicher legte einen weiteren Hebel um und eine Gasmaske wurde auf Allens Gesicht gedrückt. Diesmal gab es kein Halten. Allen schrie vor Lachen. Der Kicher lachte begeistert mit. Es gab nur einen Schönheitsfehler, Allen hörte nicht auf zu reden: "Hahaha, als mein Opa dann auch noch aufgebahrt wurde und alle lachend, hihihi, drumrumstanden *prust*, da hätte ich heulen, ahahahaha und schreien können vor Trauer. Huahahaha, ich war so traurig und wenn ich mich dran, hahaha, erinnere, hihihijuijuijui, dann ist es immer noch ganz schlimm !" Die Tränen quollen aus seinen Augen und der Kicher setzte die Nadel zur Injektion an. Lachend drückte er Allen die volle Dosis rein und ging lachend aus dem Raum. Allen hörte noch Fetzen die nach "ausgelacht" klangen und da wußte er, das würde er nicht überleben. Er sträubte sich jedoch so weit es ging. Aber nach ein paar Minuten ging es einfach nicht mehr. Er lachte sich buchstäblich die Lunge aus dem Leib und nach 3 Stunden war er tot.

"Hey, was isn das für einer ? Den hat der Kicher aber hart rangenommen..." Der Müllmann gluckste. Sein Kollege sah Allens Körper mit den ganzen Federn, die den Toten immer noch kitzelten und meinte: "Hihi, sowas habe ich ja auch noch nicht gesehen, ist ja echt lustig ! Der muß ja was ausgehalten haben, sie brauchten sogar die BrüllDirDasHirn-Spritze." Beide lachten ein paar Minuten. Dann rollten sie die Trage raus und fuhren sie zum Ende des Gangs. "Was hat denn unser Witzbold gearbeitet ?" fragte der erste Müllmann. "Ich glaube, er war in einem Bestattungsunternehmen der Tröster..." Lachend gingen sie raus.



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