Gefühlte Helligkeit

von Udo Wolter
© 2002 (Erstveröffentlichung)

Schmidt sah noch einmal alle Unterlagen des Experiments durch. Er wollte auf keinen Fall, daß jetzt Fehler irgendwelcher Art passieren. Sein Verstand sagte ihm, daß es nicht möglich sein konnte. Dennoch war es wahr. Und es sah so verteufelt echt aus. Nach einer Stunde Überprüfung entschied er sich dafür, Mattnes Bescheid zu geben. Seine Assistentin Lerz wollte ihn noch aufhalten. "Tun Sie's noch nicht ! Er ist so einfallslos, das wird uns wieder mehr Ärger einbringen als das Ganze wert ist ! Vielleicht sollten wir erst unter uns über Einsatzgebiete unterhalten, bevor unser Boß unser Projekt an die Wand fährt ?" Schmidt sah sie an und sagte: "Wissen Sie, ich glaube, ein Projekt mit diesen Aussichten könnte unser lieber Herr Mattnes gar nicht an die Wand fahren, selbst wenn er wollte. Keine Sorge, er hat immerhin einen Riecher für's Geschäft. Und wie wollen wir an anderen Dingen weiterforschen, wenn wir kein Geld bekommen ?" Lerz schwieg und ließ ihn vorbeigehen.

"Ja, Doc, was ist ?" Mattnes hatte mal wieder schlechte Laune, was aber nichts heißen mußte. Er war generell launisch und auch sehr sprunghaft. Mit ein bißchen Fingerspitzengefühl würde Schmidt ihm vielleicht etwas Euphorie beibringen können. Das würde die Chance auf eine echte Anwendung verkürzen. "Sie wissen doch, daß wir an verschiedenen Projekten bezüglich Holo-Projektionen arbeiten. Also, unter anderem. Da gab es heute einen unerwarteten Durchbruch." Mattnes Laune wurde schlechter. "Sie meinen, jemand hat eine Wand durchgebrochen ? Ich dachte, Sie hätten gute Leute engagiert und keine Bekloppten ?" Schmidt wurde es mulmiger. "Das Wort 'Durchbruch' ist hier durchaus positiv zu verstehen. Wir haben durch Zufall etwas Faszinierendes entdeckt." Mattnes Laune wurde schlagartig besser. "Kann man es verkaufen ? Oder ist es wieder ein Reinfall, wie bei dieser Gravitationsgeschichte ?" Schmidt mußte wieder an das letzte Projekt denken, in dem es nach den ersten Unfällen des Antigrav-Copters zu diversen Toten kam. Weil man Schmidt und seinem Team vor Gericht bewiesen hatte, daß sie nicht im Mindesten an die Passagiere eines solchen Fluggeräts gedacht hätten, hatte man ihnen und der Firma Inventourist die Patente aberkannt und die Ergebnisse unentgeltlich der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mittlerweile gehörte der Copter zum Straßenbild, oder besser, zum Luftbild, aber weder Schmidt noch Mattnes, noch Mattnes Geldgeber hatten auch nur einen Cent damit verdient. "Das kommt darauf an, was Ihnen diesmal dazu einfällt" sagte Schmidt.

Während Schmidt versuchte, seine Präsentation durchzuziehen, ging Mattnes mehrmals um den großen roten Klops herum. Der Klops strahlte in einem Glanz, daß es atemberaubend war. Mattnes war bisher nur auf einen Meter Abstand rangegangen. "Strahlt das Ding ?" fragte er. Schmidt lächelte. "Nein, das, was die Oberfläche ausmacht, sind zwar Elektronen, aber sie strahlen nicht ab. Das, was den Glanz abstrahlt, sind Photonen. Und noch nichtmal stark konzentriert. Insofern also harmloses Licht." Mattnes ging nochmal um den Klops und starrte ihn die ganze Zeit an, wie ein Löwe, der auf seine Beute aufpaßte. "Und dann greife ich also hindurch ? Ich meine, kann man es anfassen ? Sonst wäre es ja nichts besonderes, ich habe auch schon im Holo-Kino gesessen." Manchmal war Mattnes gar nicht so blöd, dachte Schmidt.

Lerz hatte wohl in seinen Gedanken gelesen und verzog den Mund. "Fassen Sie es an, dann wissen Sie es !" sagte Lerz in dem ihr üblichen aufmüpfigen Ton. Mattnes ging näher an den Klops und streckte die Hand aus. Als die Hand den Klops berührte, zuckte er fast zusammen. Er rechnete mit dem Schlimmsten. Aber es kam nichts. Die Oberfläche war kalt. Aber rund. So rund wie der ganze Klops. Und weiter vordringen konnte er auch nicht. Es war wie eine Wand. "Sie sagten doch, es besteht nur aus Elektronen und Photonen. Wie kann es dann sein, daß ich nicht weiter vordringen kann ?" Schmidt lächelte. "Sehen Sie, Metalle wurden auch erst durch Legierungen verschiedener Metalle fester, beständiger usw. Hier haben wir einen ähnlichen Effekt." Nur nicht zu viel sagen, dachte Schmidt. Bei technischen Diskussionen war Mattnes immer ausgerastet. "Gut, " sagte Mattnes, "aber ein roter Klops alleine ist es doch wohl nicht, oder ?" Lerz reagierte sofort. "Ich habe da etwas vorbereitet, nur für Sie. Wissen Sie, das Ganze wird von einem Rechner gesteuert und ist recht komplex. Nichtsdestotrotz lassen sich aber auch komplexe Dinge programmieren und ich habe mal ein paar Beispiele erstellt, damit Sie sehen können, wozu es fähig ist." Sie drückte ein paar Tasten auf einer Tastatur und der Klops änderte seine Form und Farbe. Er sah auf einmal aus wie eine Kloschüssel. Mattnes versuchte, in die Schüssel zu greifen und kam nicht weit. "Au, was ist das denn ?" Lerz lächelte. "Mit Licht kann man auch Dinge tiefer und durchsichtig wirken lassen, wissen Sie. Der obere Rand der Klobrille ist gleichzeitig die obere Wand, auch wenn sie meinen, in die Kloschüssel fassen zu können. Es ist mir bisher nicht gelungen, starke Vertiefungen in die Objekte zu bekommen, sondern nur die Illusion der Vertiefung. Erhöhungen der Oberfläche dagegen sind sehr einfach." Sie drückte eine weitere Taste und ein großes Ruderboot stand vor ihnen. Mattnes wich vor Schreck zurück. "Keine Angst, solange Sie sich außerhalb des Radius befinden, der am Boden angezeichnet ist, wird Sie das Objekt nicht verletzen. Der Kreis ist gewissermaßen die maximale Ausdehnung, die mit dieser Art Holo-Strahler machbar ist." sagte Lerz. Das Boot stand auf dem Kiel und wackelte verdächtig hin und her. "Ich habe es am Kiel etwas verstärkt, so daß es nicht umkippt. Aber das gleiche Problem mit dem Innenraum. Sie können sich zwar draufstellen aber nicht rein." Mattnes starrte sie an: "Draufstellen ? Was hält es denn so aus ?" Schmidt sah besorgt zu Lerz und sagte: "Das haben wir noch nicht getestet, weil das hier noch ein Prototyp ist. Aber laut meinen Berechnungen dürften ein paar Tonnen pro Quadratzentimeter drin sein." Mattnes japste nach Luft. "Ein paar Tonnen ?! Pro Zentimeter ?! Das ist ja unglaublich ! Wie groß ist der Originalstrahler ?" Lerz drückte eine Taste und das Objekt kippte in sich zusammen. Übrig blieb ein kleiner Strahler, vielleicht 50 Zentimeter hoch und breit, dessen Glasfasern sternförmig in alle Richtungen zeigten. Mattnes ging hin und sah sich das Gerät näher an. "Das ist also das ganze Gerät ? Ist ja lachhaft !" Er wollte es hochheben, kippte aber sofort wieder nach vorn. "Uuups !" Schmidt sagtei, als er Mattnes zu Hilfe kam: "Momentan wiegt das Gerät 50 Kilo, aber wir hoffen, daß wir das Gewicht bis auf 15 Kilo drücken können." Mattnes hatte jetzt ein Leuchten in den Augen: "Fantastisch ! Das muß ich sofort dem Vorstand von Inventourist mitteilen ! Ich habe auch schon Anwendungsideen. Sagen Sie mal, kann man das auch per Batterie betreiben ? Wenn ja, wie lange würde eine solche Batterie halten ?" Schmidt sah Lerz an und sie antwortete auch gleich: "Eine Batterie würde das Gerät wieder 5 Kilo schwerer machen. Aber ein solcher Akku könnte das Bild über 10 Tage stabil halten." Mattnes eilte aus dem Raum, ohne sich zu verabschieden oder gar umzudrehen. Lerz und Schmidt sahen sich an. Schmidt sagte: "Was meinen Sie ? Sollten wir das nicht lieber selbst vermarkten ? Ich hätte so viele Ideen..." Lerz sagte: "Ja, ich auch. Und ich möchte nicht wissen, auf was für bescheuerte Ideen Mattnes gekommen ist..."

Wir unterbrechen diese Geschichte mit einer kleinen Werbepause:

"Sind Sie es auch leid, diese elende Parkplatzsuche ? Jetzt wurde endlich das Reisen durch die Luft erfunden, keine Staus mehr und dann: alles zugeparkt ! Grauenhaft ! In 5 Minuten sind Sie von zu Hause auf der Arbeit aber verbringen 2 Stunden mit Parkplatzsuche. Muß das sein ?

NEIN ! Wir haben das ultimative Gerät entwickelt ! Der Free-Shifter ! Mit diesem Gerät halten Sie sich Ihren aktuellen Parkplatz für morgen oder für nächste Woche oder für nach dem Urlaub frei ! Es ist so einfach ! Lassen Sie Ihren Copter kurz über dem Parkplatz schweben, auf dem Sie eben noch parkten ! Stellen Sie den Free-Shifter mit der Fernbedienung an ! Dann warten Sie 10 Sekunden, bis der Free-Shifter mit dem Scan ihres schwebenden Gefährts fertig ist ! Und nun können Sie in Ihren Copter einsteigen und zufrieden nach Hause fliegen ! Wenn Sie am nächsten Tag wieder kommen, steht der Free-Shifter immer noch dort, sieht aus wie Ihr Copter und hat Ihnen die ganze Nacht den Parkplatz freigehalten ! Sie brauchen ihn jetzt nur noch mit der Fernbedienung abschalten und dort einparken !

Übrigens: Der Free-Shifter besitzt keinerlei Ecken und Kanten, er ist also nicht abschleppbar ! Die Batterie hält 15 Tage, da kann man schonmal beruhigt in den Urlaub fahren ! Natürlich wird das Kennzeichen nicht originalgetreu wieder gegeben, schließlich wollen Sie ja keine Strafzettel riskieren, Hahaha ! Und der Free-Shifter ist praktisch unzerstörbar, Regen prallt an ihm ab und er hält einem Druck von 3 Tonnen pro Quadratzentimeter stand ! Das ist Holo-Leistung vom Marktführer, von Inventourist ! Kaufen auch Sie sich morgen Ihren Free-Shifter für nur 19.990 Euro !"

"Unverbindliche Preisempfehlung, nur bei Vorlage der EuroStar-Rabattkarte !"

Kurze Melodie: Lalala (Werbung Ende).

Schmidt flog an den Werbeplakaten für den neuen Free-Shifter vorbei und konnte es immer noch nicht glauben. "Hätten wir nicht lieber stärkere Batterien für die Copter erfinden sollen, damit sie in der Luft parken können ? Aber nein, wir liefern Mattnes das Material, mit dem er seinen Müll fabrizieren kann." Lerz saß auf dem Beifahrersitz und starrte auf das Plakat. "Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt, daß er Mist machen wird. Außerdem, wenn ich sehe, daß die Plakate es nur für 10 Minuten schaffen zu schweben um sich dann unten wieder aufzuladen, wäre die Batterie-Idee noch blöder." Schmidt knurrte. "Ja, aber wenigstens wären die Straßen jetzt nicht völlig zugeparkt. Wenn wir sonst nachts um 3 mit unserer Arbeit begannen, war alles leer. Und jetzt ? Und dann diese Scherzbolde, die das halbe Firmen-Gelände damit zugepflastert haben ! Ich bin schon am Überlegen, mir eine Dach-Garage zuzulegen." Lerz sah in die Nacht hinaus. "Besonders ätzend ist von hier oben, daß alles so leuchtet. Die Farben überschreien sich völlig und so sieht man freie Parkplätze erst recht nicht. Was hätte man alles damit machen können. Aber jetzt hat Inventourist endlich wieder ein Patent, von dem sie leben können, folglich werden die sich wohl keinen Kopf machen um sinnvollere Dinge damit herzustellen."

Fernsehnachrichten, 5 Wochen später:

"Die Lage hat sich dramatisch zugespitzt. Besonders die nicht so wohlhabenden Schichten fühlen sich in ihrer Beweglichkeit eingeengt, seitdem wildes Parken unter Todesstrafe steht. Gestern kam es zu diversen Ausschreitungen, als sich ein paar Bürger mit Kamikaze-Coptern auf eine Allee stürzten, die größtenteils mit Free-Shiftern zugeparkt war. Es gab neben den 3 Piloten 7 weitere Tote. Darunter große Sachschäden, mindestens 20 zerstörte Shifter. Am letzten Wochenende hatten sich Todesschwadronen über einsame Nachtschwärmer hergemacht und sie hinterhältig ermordet. Der Anlaß war das große Konzert der Rolling Stones, bei dem vor allem der 100. Geburtstag Keith Richards zelebriert werden sollte. Dutzende von Fans hatten versucht, sich einen Parkplatz mit ihren Shiftern freizuhalten und wurden durch Heckenschützen erschossen, bevor sie ihre Geräte aufstellen und dahinter Schutz suchen konnten. Die Lage wird zusehends bedrohlicher, einige Stimmen meinen, wir befänden uns am Rande eines Bürgerkriegs, der..."

Schmidt wachte schweißgebadet auf. Das Vorstellungsgespräch gestern bei der Firma Inventourist hatte ihn scheinbar doch mehr abverlangt als er zugeben wollte. Herr Mattnes hatte zwar einen netten Eindruck gemacht. Aber er wollte sein Schicksal auch nicht unnötig herausfordern, auch wenn Mattnes ihm den Himmel auf Erden versprochen hatte: freie, zweckungebundene Forschung, wo immer sich Schmidt tummeln wolle. Er ging in die Küche, wo beide Arbeitsverträge auf dem Tisch lagen. Der eine von der Uni: träge, langweilige Projekte, ständiger Termindruck. Der andere von Inventourist: aufregend, selbständige Arbeit, keiner, der einem dazwischenredet.

Schmidt nahm den Arbeitsvertrag von der Uni und unterschrieb ihn. Er zeriß den anderen Vertrag und warf ihn in den Müll und ging wieder ins Bett. Zufrieden schlief er ein.



!!! COPYRIGHTHINWEIS !!!

Meine Urheberrechte bleiben gewahrt.
Die nachfolgenden Bedingungen sind lediglich erweiterte Nutzungsrechte!

Creative Commons License

Dieses Werk ist geschützt durch die Creative Commons License.

!!! KEINE KOMMERZIELLE NUTZUNG !!!


Besucher auf der Seite:
(seit 19. Februar 2002)