Die Königin

von Udo Wolter
© 2000 (Erstveröffentlichung)

1. Tag

Es begann im Sommer. Ein warmer Sommertag und der Müll stank zum Himmel. Er konnte die Viecher eigentlich noch nie leiden. Nun saßen wieder 2 Knopfaugen in der Tonne und starrten ihn an. "Weg mit Dir, Du Mistvieh !" brüllte er.
Die Ratte quiekte und sprang aus der Tonne direkt auf seinen Fuß. Er merkte durch den großen Druck, was für ein gut genährtes Tier es war. "Hau ab ! Ksch !" Er schüttelte sein Bein und die Ratte war verschwunden.

10. Tag

Der letzte Vorfall war eigentlich schon vergessen. Als er von der Arbeit kam, dachte er jedenfalls nur daran, sich ein Bier zu holen und sich das Spiel anzugucken. Kalle würde auch noch kommen. Aber zuerst zum Klo, es war wirklich dringend. Nach dem Öffnen des Klodeckels traf ihn fast der Schlag.
Eine weiße Ratte starrte ihm aus dem Wasser entgegen. Das konnte doch nicht sein ! Wie kann so ein Tier bis in den 4. Stock kommen ? Er beschloß jedenfalls, ihr in die Augen zu pinkeln, was die Ratte mit einem schmerzerfüllten Quieken honorierte, bevor sie untertauchte. Zuerst mußte er lachen. Dann aber dachte er sich, er wird morgen dem Hausmeister mal die Leviten lesen.

18. Tag

Nach dem Aufwachen sah er sie wieder. Seit Tagen wurde er das Gefühl nicht los, als würden sie ihn beobachten. Kalle hatte noch gespottet, er würde wohl den Verstand verlieren. Aber er war sicher. Er hatte eben noch die kleinen Augen vorbeihuschen sehen. Auf der Arbeit war er so dermaßen unkonzentriert, daß sein Chef ihn nach Hause schickte. "Nehmen Sie mal 'ne Mütze Schlaf, Sie sehen furchtbar aus !" Zu Hause lag er im Bett und konnte nicht schlafen.
Als er die Decke anstarrte, merkte er eine Bewegung an seinem rechten Arm. Er sah langsam am Arm runter und sah eine Ratte, wie sie ihren Rücken an seinem Arm rieb. Was sollte denn das ? Und warum hatte sie keine Angst ? Er nahm die Ratte in die Hand und sprach zu ihr als wenn sie ihn verstehen könnte:
"Was machst Du da ? Wollt ihr mich fertigmachen ?" Zu seinem Erstaunen stellte er fest, daß die Ratte eingeschlafen war.

25. Tag

Seit Tagen gingen ihm die Tiere nicht aus dem Kopf. Zuerst hatte er ja doch etwas Angst gehabt. Aber mittlerweile hatte er sich nicht nur an sie gewöhnt, er vermißte sie geradezu tagsüber, wenn er zur Arbeit ging.
Abends spielte er stundenlang mit ihnen. Er dressierte sie, sie machten Kunststückchen, Handstand mit 10 Ratten übereinander. Es war schier unglaublich, sie schienen ihm zu gehorchen ! Einmal hatten sich 2 Ratten einen Beißkampf geliefert. Jeder Biß, den eine Ratte der anderen zufügte tat ihm weh. Nicht etwa psychisch sondern physisch. Sein ganzer Körper zuckte und schmerzte.
Er fuhr also dazwischen und die Schmerzen ließen nach. Er beschloß, immer eine von ihnen (wieviel waren es überhaupt ? 100 ? 1000 ? Er hatte den Überblick verloren...) mit zur Arbeit zu nehmen.

28. Tag

Der lausigste Tag des Jahres. Natürlich mußten sie irgendwann die Ratte bemerken. Der Rauswurf kam prompt. Sogar mit dem Hinweis auf einen Psychiater, nach einer Therapie könne man ja nochmal über alles reden. Kalle verstand ihn auch nicht und legte sofort, nachdem er seinen Namen nannte, wieder auf.
Von was sollte er leben ? Er dämmerte vor sich hin und überlegte angestrengt, welcher Job wohl mit Ratte durchführbar war. Wenn er nichts fand, würde er die Wohnung und damit seine neuen Freunde aufgeben müssen. Er sah im Zimmer umher. 1000 Augen, oder sogar noch mehr, starrten ihn an. Als warteten sie auf sein Kommando. Und er gab es: "Holt mir ein Schnitzel vom Supermarkt !" Sie sahen einander an, dann gingen die Ratten in eine Ecke des Raums und tuschelten scheinbar untereinander. Ein paar Minuten später strömten sie wie wild los. 30 Minuten später kamen sie mit 50 Schnitzel wieder. Er war tief beeindruckt. "Aber eins hätte mir doch völlig gereicht..." stammelte er verwundert.

33. Tag

Sie ernährten ihn gut. Er bekam alles, was er brauchte. Essen, Getränke (er hätte zu gerne gesehen, wie sie kistenweise Getränke aus den Supermärkten klauen). Aber sie ließen ihn nicht mehr raus. Er wurde bemuttert bis ihm schlecht wurde. Sie holten ihm sogar Geld (woher auch immer), damit konnte er per Nachnahme Produkte aus Katalogen bestellen (er war nicht mehr kreditwürdig, seitdem er gefeuert wurde). Sie lebten im totalen Luxus. Seine neuen Freunde sahen sich das Spiel mit ihm an. Das war viel besser als mit Kalle, ständig stand ein kaltes Bier neben seinem Bett.
Die Chipstüte war praktisch auch nie leer. Manchmal hatte er irrsinnige Schmerzen, wogegen nur starke Schmerzmittel halfen. Er sah bei diesen Schmerz- anfällen immer das Bild von sterbenden Ratten. Mal wurden sie überfahren, mal mit Messern erstochen, mal zertreten. Oft stand auch in der Zeitung, daß eine Straßenbahn wegen Ratten entgleist war. Das waren Schmerzen ! Über 100 seiner Freunde qualvoll zerquetscht, als würde man ihm die Hand zerdrücken !

35. Tag

Im Fernsehen wurde ein Beitrag gezeigt, in dem Ratten Produkte aus einem Supermarkt entwendeten. Darüber gab es große Aufregung. Die Brut müsse man ausräuchern, wo man sie findet ! Aber am lustigsten war, als er endlich mal sehen konnte, wie gekonnt ein Kasten Bier von Ratten davongeschleppt wurde. Er hätte sich beinahe krank lachen können darüber. In einer anderen Sendung nahm er den Beitrag auf Video auf und sah ihn sich immer wieder, brüllend vor Lachen, an. Dann las er in der Zeitung, daß es eine Kommission bei der Polizei gäbe, die sich mit dem Ratten-Problem beschäftigen würde.
Das gefiel ihm gar nicht. "Wir müssen diese Typen kaltstellen bevor sie uns finden !" verkündete er. Seine "Armee" ballte sich zu einem Haufen zusammen und beratschlagte über eine Stunde. Aber dann ging es los. Sie strömten zu Tausenden aus der Wohnung. Er wußte gar nicht, wo sich so viele seiner Freunde überhaupt die ganze Zeit aufgehalten hatten.

36. Tag

Schlagzeile: "15 tote Beamte der SEK Ratte !" Im Fernsehen berichteten sie über die seltsamen Tode etwas ausführlicher. Es sah alles nach Unfällen aus, aber nur auf den ersten Blick. Einer soll beim Baden ertrunken sein. Er hatte nur leider seine Uniform an und kein Wasser in der Lunge, folglich mußte er schon eher erstickt sein. Eine andere Beamtin hatte aufgeschlitzte Pulsadern. Aber trotzdem hatte sie einen blauen Hals und weiße Haare im Mund.
Ein weiterer Polizist war scheinbar eine Treppe runtergefallen. 15 Stockwerke ! Er war sauer. "Das muß besser werden ! So kriegen sie uns noch ! Morgen macht ihr das professioneller !"

37. Tag

Schlagzeile: "12 Polizeiautos ineinandergekracht ! Keine Überlebenden !"
Das klang schon besser. So mochte er das. Voller Zufriedenheit dachte er daran, daß die Akten der SEK Ratte hier bei ihm lagen. Er hatte darin geblättert und war erstaunt gewesen, wie dicht sie ihnen schon auf den Fersen waren. Aber jetzt wohl nicht mehr. Zur Freude über diesen Triumph feierte er mit seinen Freunden und viel Bier und Korn. Letzteren brauchte er für die Schmerzen, denn bei der Operation hatte es bestimmt 500 tote und verletzte "Soldaten" gegeben. Gegen Mitternacht schlief er zufrieden ein, während rund um ihn rum ein süßes Schurren und Quieken zu hören war.

38. Tag

Er wachte auf mit riesigen Schmerzen. Und blickte geradewegs in eine Pistolenmündung. Seine Arme ließen sich nicht bewegen. Er fühlte die Handschellen, trotzdem hätte er noch Bewegungsfreiheit gehabt. Aber er konnte nichts bewegen, sein ganzer Körper tobte vor Schmerz !
Er sah sich im Zimmer um. Jedenfalls das, was er vom Bett aus sehen konnte. Sie hatten ganze Arbeit geleistet. Er bezweifelte, daß jemand überlebt hatte. Der Anblick war nicht zu ertragen. Es war ein blutiges Gemetzel. Einer seiner Bewacher erzählte ihm, daß sie 3 Stunden gegen seine "dressierten Viecher" gekämpft hätten. 25 Leute hatten sie verloren, bis ihnen das Militär und Bundesgrenzschutz geholfen hatten. Schließlich hatten sie auch die letzte Ratte massakriert. Sie nahmen ihn mit in U-Haft, wo er wohl auf seinen Prozeß warten würde. Einer meinte, es kämen mindestens 10 Jahre, unter Umständen sogar lebenslänglich auf ihn zu.

40. Tag

Die Knast-Pritschen waren hart. Aber seit ein paar Stunden hatte er das Gefühl, er bekäme Gesellschaft. Und tatsächlich. Ein alter Freund besuchte ihn: Kalle !
Er sah Kalle an und merkte, daß Kalle irgendwie verängstigt aussah. Kalle sagte: "Sie haben mir gedroht. Wenn ich sie zu Dir führe, dann lassen sie mich und meine Familie in Ruhe. Bitte befehl ihnen, uns nix zu tun !"
"Laßt ihn gehen" sagte er. "Kalle, wenn Du auch nur ein Sterbenswörtchen zu jemandem sagst: meine Jungs kriegen Dich !" Kalle lehnte zitternd an der Wand und sagte: "Nnein, ist ok, ich will davon auch gar nichts wissen..."
Nachdem Kalle raus war, ging er zu seinem "General" und fragte: "Wieviel Mann haben wir noch ?" Die Antwort kam direkt in sein Hirn und lautete: "über 10000 ! Wir haben Reserven bis zum Abwinken !" Er sagte: "Na, dieses Mal machen wir es besser, sie werden uns nicht mehr so einfach kriegen..."



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