Frau Müller

von Udo Wolter
© 2001 (Erstveröffentlichung)

"Los, los ! Die Spur ist noch heiß !" Inspektor Schmitz war so hektisch, daß sein Partner Kowalke glatt den Wagen abwürgte. "Auch das noch !" stöhnte Schmitz auf. Kowalke sagte: "Immer locker bleiben, das wird doch sowieso eine Überstunden-Nacht." Schmitz sah erstaunt auf die Uhr. "Es ist jetzt 10 Uhr morgens, wie kannst Du da schon an die Nacht denken ?" Kowalke ließ den Wagen wieder an und grinste. "Das hab' ich im Urin. Ich habe ihre Akte gelesen."

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Die Bank war gut besucht. Einerseits weil es ein recht warmer Dezember-Tag war. Andererseits, weil die Begrüßungsgeld-Panik in vollem Gang war, es war nämlich Freitag.
Die Landeszentralbank hatte alle 10 Schalter auf. Vor 2 Monaten erst war die Schalterhalle aufgepeppt worden, weil der Andrang ständig stärker wurde. Daß er aber so groß würde, hatte niemand geglaubt. An jedem Schalter stand eine lange Schlange, die Halle war gefüllt mit Menschen. Eine Frau betrat den Schalterraum und sah sich langsam in der Halle um. Wegen dem Andrang waren 3 Wachleute im Einsatz, einen von ihnen musterte sie genau. Sie zog blitzschnell eine Pistole aus ihrer Jacke und schoß ihn nieder. Die zwei anderen Wachleute reagierten sofort. Sie aber auch. Sie stürzte sich in die Menschenmenge, worauf einer der beiden Wachmänner dem anderen gerade so eben noch die Waffe nach oben boxen konnte. Sonst hätte er glatt in die Menge geschossen. "So, ich denke, ihr habt bewiesen, daß ihr da seid. Jetzt legt die Kanonen auf den Boden und kickt sie in meine Richtung. Ich zähle bis 5. Wenn die Kanonen inklusive der Handschellen, die ihr am Gürtel tragt, bei 5 nicht vor meinen Füßen liegen, ballere ich drauf los. Eins." Die beiden Männer sahen sich an. "Drei." Schock ! "Und was ist mit der 2 ?" rief einer der beiden. "Vier." Beide Waffen wurden hektisch zu ihr gekickt. "Ich kriege die Handschellen nicht so schnell vom Gürtel ab !" rief der Fülligere von beiden. "Vier Komma 3."
Nachdem sie die Handschellen hatte, kam sie vor. Es war keine Ladies Gun, die sie da in der Hand hatte. Es war eine große Magnum, sie sag riesig aus in ihrer kleinen Hand. Sie fesselte die beiden Wachmänner mit den Handschellen an den Heizungskörpern. "Drehen Sie die Heizung wenigstens runter, sonst verbrennen wir uns noch !" sagte der kleinere der beiden Wachmänner. Sie ging zur Heizung und drehte sie bis zum Anschlag auf. "Mir ist die Athmosphäre momentan etwas zu unterkühlt." sagte sie. Sie stellte zum ersten Mal ihre Tasche ab. Es gab ein lautes, schepperndes Geräusch. "Nur zu eurer Information: Dies ist kein Bankraub. Ich will euer Scheiß Geld nicht. Wir werden uns jetzt einen schönen Tag machen. An alle Helden unter euch: Der Heldentod mag ehrenhaft sein. Aber für jeden, der den Helden spielt, knalle ich noch jemand anders zusätzlich ab. Und nun warten wir. Und haltet ja eure Fressen ! Wenn ihr euch was erzählen müßt, dann macht es leise ! Noch Fragen ?" Stille. Dann trat ein junger Mann vor mit seinen beiden Kindern an der Hand, die Person hinter ihm schien seine Frau zu sein. "Ja. Ich habe Frau und Kinder und da..." 3 Schüsse später sagte sie: "Jetzt nicht mehr. Ich gebe zu, es war eine Fangfrage. Es interessiert mich einen Scheiß, was ihr fragen wollt. Dies ist meine einzige und letzte Warnung." Der Mann kippte ohnmächtig um.

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"Es ist die Landeszentralbank !" sagte Schmitz. Kowalke zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. "Na super. Ganz klasse. Da wird sie sich ja richtig austoben können. Wir werden Heckenschützen brauchen. Ich hoffe diesmal haben wir mehr Glück." Schmitz kontrollierte seine Dienstwaffe. "Sie hatten behauptet, sie 5 mal getroffen zu haben." Kowalke sagte: "Jaja, ist schon klar. Nur waren die Kugeln in den falschen Personen. Das war die schlimmste Aktion, die wir jemals hatten ! Die ist flink !" "Da vorne ist es, die Unterstützung ist schon da. Ich fordere schonmal Heckenschützen an, unterhalte Du Dich mit dem Einsatzleiter, so daß wir möglichst schnell das Kommando übernehmen können."

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Draußen war ziemlich viel Trubel. Im Gegensatz zur Schalterhalle. Niemand hatte Lust, den Helden zu spielen. Schon gar nicht, nachdem sie gesehen hatten, wie kaltblütig diese Frau war. "So, jetzt installieren wir mal einen Abstandshalter." Sie machte ihre Tasche auf und zog eine Kalaschnikov heraus. Damit ging sie zur Glastür, öffnete sie und feuerte auf die Polizeiwagen.

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"Haben wir Verluste ?" fragte Schmitz. "Ja," sagte Kowalke, "2 Beamte tot im Wagen, aus dem explodierten Wagen konnten noch 2 gerettet werden, aber schwere Verbrennungen und ein Steckschuß." Die Feuerwehr war mittlerweile da und versuchte 4 brennende Wagen zu löschen. Es war eindeutig Dumdum-Munition, eine andere wäre nicht bis zu den Tanks durchgekommen. Oder sie hatte etwas anderes an der Waffe verändert. Der Radius war jedenfalls vergrößert worden. Ein Kollege näherte sich den beiden.
"Was ist denn das für eine Irre ?" Schmitz grinste. "Das ist Elisabeth Müller, genannt Lieschen. Sie ist vor 3 Wochen aus der Klapse entkommen und seitdem läuft die Fahndung." Der Mann war etwas irritiert wegen Schmitz' Grinsen. "Und weswegen war sie drin ?" Kowalke antwortete: "Das wollen Sie lieber nicht hören, aber glauben Sie mir, sie ist extrem gefährlich und hätte den Vietnamkrieg auch alleine gewinnen können." "Lieschen Müller ? Das ist doch ein Witz, oder ?" Schmitz sagte: "Sie nennt sich selbst so, sie sagt, es sei der Beweis, daß auch Durchsnittsbürger es zu etwas bringen können. Aber lassen Sie sich nicht durch diesen Spitznamen täuschen, sie ist an diversen Waffen in vielen Trainingslagern ausgebildet worden, eine Meisterin auf ihrem Gebiet..."

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Lieschen saß auf einem Stuhl und sah sich die Leute an. Wie sie sie anstarrten. Angst in den Gesichtern. Zu Recht. Sie wußte auch noch nicht, wie es weitergeht. Und Ungewißheit macht immer Angst. Allerdings nicht ihr. Sie hatte keine Angst vor dem Tod. Im Gegenteil, sie forderte ihn regelrecht heraus. Aber noch sollte sie wohl nicht sterben, also tat sie, was sie wollte. Das Telefon klingelte. Aber niemand ging ran. "Wenn nicht gleich jemand ran geht, dann laß ich nochmal die Wumme reden..." Ein Bankangestellter nahm den Hörer ab und lauschte. "Es ist für Sie..." sagte er mit zitternder Stimme. Sie nahm den Hörer und riß das Telefon aus der Wand. "Ich liebe Spielchen." sagte sie und grinste dabei breit, während das Entsetzen auf den Gesichtern immer größer wurde.

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"Oh nein !" Schmitz war weiß im Gesicht. "Sie hat das Telefon zerstört." Kowalke sagte: "Es ist ein Wunder wie sie manchmal so berechenbar sein kann, obwohl sie es eigentlich gar nicht ist. Das Spiel fängt ähnlich an wie vor 2 Wochen in der Autobahnraststätte..." Schmitz nahm das Megafon. "Gut, dann versuchen wir es hiermit."

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"Bitte verhandeln Sie mit uns ! Und tun Sie den Geiseln nichts. Wir sind bereit, jede Ihrer Forderungen zu erfüllen."
Sie sagte: "Ich brauche einen Freiwilligen. Geht keiner freiwillig, erschieße ich ein Kind." Ein Mann trat vor. Er starrte sie an und sagte: "Warum tun Sie das ?" Er war den Tränen nahe. "Jaja, die Welt ist ungerecht. Hier, nimm diesen Zettel. Und jetzt gehst Du langsam raus. Langsam ! Du mußt nicht wiederkommen, Du bist quasi frei. Aber mach Dir keine Hoffnungen. Wenn die da draußen Mist bauen, bist Du meine Zielscheibe Nr. 1. Und ich habe noch nie in den letzten 10 Jahren danebengeschossen." Er nahm den zusammengefalteten Zettel und ging langsam raus. Als er fast den ersten Polizeiwagen erreicht hatte, schoß sie ihm aus dem Handgelenk heraus in den Kopf. Blankes Entsetzen in der Bank. Aber sie grinste nur wieder: "Ich habe einmal gelogen, ich werde wieder lügen."

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Der Arzt tat sein Bestes. Aber vom Gesicht war fast nichts mehr übrig. Das Projektil war vorne abgeflacht. Ein Dumdum-Geschoß. Schmitz war sauer. "Diese Ratte ! Ich knalle sie noch eigenhändig ab ! Was sollte denn das nun wieder ? Und dieser sinnlose Zettel !" Auf dem Zettel stand: "Ich will, daß der Bürgermeister in die Schalterhalle kommt, damit ich ihn umlegen kann. Danach sind alle Geiseln frei. Ja, das wird lustig. Hahaha !" Kowalke schüttelte den Kopf. "Das kann nicht ihr Ernst sein. Das ist so wie beim letzten Mal. Sie ändert dauernd ihre Forderungen, hält uns hin und nachher stehen wir wieder knietief im Blut, weil es niemand überlebt hat." Die Tür ging auf und ein Mann kam rein. "Guten Tag, mein Name ist Knerk, ich bin Psychologe." Schmitz sagte: "Dr. Knerk ?" Knerk tat bescheiden: "Ja, aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich habe mit dem zuständigen Arzt in der Nervenklinik gesprochen. Das ist das Furchtbarste, was ich je gehört habe !"

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Die Luft in der Schalterhalle knisterte. So langsam wurde die Athmosphäre kitzlig. Einige hatten 2 und 2 zusammengezählt und kamen zu dem Schluß, daß Lieschen einen an der Waffel haben mußte. Und, daß vielleicht niemand hier lebend raus kam. Aber sie liebte diese Stimmung. Genau so wollte sie es haben. Angst war ein Gefühl, das ihr Lebenskraft gab. Ebenso Zorn. Sie liebte es, wenn die Leute Angst und Zorn vor sich her trugen. Und hier kam noch wilde Panik hinzu. Raubtiere im Käfig. Bis der Blitz sich entlud. 3 Männer sprangen sie von verschiedenen Seiten an und schlugen auf sie ein. Zuerst sah es auch so aus, als wenn sie die Oberhand gewinnen würden, vor allem, als immer mehr Leute auf den Haufen raufspangen und auf Lieschen einprügelten. Schüsse hallten durch die Bank. Es waren nichtmal viele. Trotzdem schmiß sie den Haufen toter Männer (Frauen hatten sich nicht beteiligt) mit einem kräftigen Ruck von sich. Sie hatte einige Blessuren abbekommen, sah aber jetzt deutlich jünger aus als vorher. Vorher hatte sie wie 40 gewirkt. Jetzt sah sie keinen Tag älter als 25 aus. Ja, Gewalt war ihr Jungbrunnen ! Es waren nicht mehr viele Männer in der Bank. Sie sprach eine der kräftigeren Frauen an: "Du räumst die Typen jetzt raus. Alleine. Damit es hier nicht so stark stinkt. Ihr stinkt schon geug mit eurem Angstschweiß. Vielleicht schaffst Du es sogar zu fliehen. Aber ich werde erst dann 2 Sekunden wegsehen, wenn der Letzte draußen liegt. Und dann rate ich Dir: Lauf !"

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Man hatte die Schüsse gehört, aber die Heckenschützen waren noch nicht in Stellung. Nach einer Minute angespannter Ruhe öffnete sich die Tür und eine große Frau rollte einen leblosen Körper aus der Bank. Dann noch einen. Sie purzelten die Treppe runter. Nachdem ca. 15 Leichen auf diesem Weg aus der Bank geworfen wurden, kam die Frau rausgerannt. Sie stolperte kurz bei den Leichen, schlug dann aber beim Rennen Haken. Es nützte ihr aber nichts. Auf halber Strecke durchbohrte eine Kugel den Rücken. Ihr Bauch platze auf und sie fiel zu Boden. Ein Panzerfahrzeug fuhr an den am Boden liegenden Körper ran, aber kam nicht weit. Gezielte Schüsse durch die Sehschlitze hatten den Fahrer getroffen, der Wagen fuhr in Schlangenlinien herum und überrollte auch noch die am Boden liegende Frau. Was für ein Fiasko. "Sind die Scheiß Heckenschützen endlich fertig ?!" brüllte Schmitz, deutlich am Ende seiner Nerven. Dabei war es erst Mittag.

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In der Bank war das Grauen dagegen gewachsen. Jeder hatte gesehen, wie gezielt sie den gepanzerten Wagen getroffen hatte. Praktisch alle hatten den Glauben, hier noch lebend rauszukommen, verloren. "Nanana, wer wird denn traurig sein." sagte Lieschen und lachte laut. "Ok, ich mache das jetzt wirklich nicht gerne, aber es muß sein." Sie ging zu einem kleinen Jungen und hielt ihm die Pistole an den Kopf. Eine Frau hatte auf einmal die Kalaschnikov in der Hand und schrie: "Du wirst den kleinen Jungen nicht umbringen ! Weil ich Dich nämlich jetzt umlege !" Noch während sie sprach fing sie an zu feuern. Sie traf zwar Lieschen, darunter aber auch den Jungen und noch 2 andere Frauen, die in der Nähe standen, da sie die Maschinenpistole nicht halten konnte. Lieschen blutete zwar, stand aber auf, als wäre nix gewesen. "So liebe ich das ! Paß mal auf." Lieschen nahm die Pistole und schoß sich in den linken Arm. Dabei zuckte sie nichtmal. Alle starrten gebannt auf den halb weggerissenen Arm. Aber er wuchs rasend schnell wieder zusammen. Während Lieschen grinste und die Frau mit der Maschinenpistole erschoß, erreichte die Panik einen Höhepunkt. Jeder versuchte, zur Tür zu kommen und rannte los. Lieschen schrie: "Jaaa, endlich ! Darauf warte ich schon die ganze Zeit !" Sie holte eine zweite Magnum aus ihrer Jacke und feuerte drauflos. Als die eine leer war, lud sie sie nach und feuerte dabei mit der zweiten Pistole weiter. Dabei fing sie an sich zu verändern. Sie wurde immer jünger und jünger und sah schließlich aus wie ein 15-jähriges Mädchen. Sie schmiß die Pistolen weg und hechtete hinter einen Banktresen. Es dauerte fast 2 Minuten bis die erste Tränengasgranate eintraf. Und schließlich stürmten die SEK-Truppen die Bank. Sie fing an zu husten und jemand zerrte sie raus.

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"Ist sie das ?" fragte der SEK-Mann. "Nein," sagte Schmitz, "Wir suchen eine Frau zwischen 30 und 40. Übergebt sie den Ärzten, sie ist ja völlig durcheinander."
Der Krankenwagen fuhr ab. Als er an einer Ampel hielt, landete sie einen gezielten Handkantenschlag im Genick des Notarztes. Der Fahrer bekam es nicht mit, als sie ausstieg. Sie sah ihre Hand und bemerkte, daß sie schon wieder leicht gealtert war. Mist, immer nur so kurz ! Sie rannte in Richtung U-Bahn. In der Station angekommen ließ die Spannung in ihrem Körper erstmals nach. Sie war zufrieden. Es hatte sich gelohnt. Sie stieg in die U-Bahn ein und überlegte, ob sie sich noch einen Nachtisch gönnen soll. Dann entschloß sie sich dazu und trat einem Mann, der zufrieden sitzend vor sich hin grinste, auf den Fuß. Und zwar richtig stark. Er stand auf und fragte sie wütend: "Was soll das ? Sind Sie verrückt ?" Also trat sie nochmal zu.



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