Schlafende Hunde

von Udo Wolter
© 2001 (Erstveröffentlichung)

Es war Franks 70. Geburtstag. Er kam von seinem letzten Arbeitstag nach Hause und wedelte mit seinem Rentenbescheid, den ihm sein Arbeitgeber mitgegeben hatte.

Rosy kam aus dem Haus gerannt und fiel ihm in die Arme. "Jetzt machen wir es uns für den Rest des Abends gemütlich !" jauchzte sie. "Jaja, immer mit der Ruhe" wiegelte er ab. "Wir laden jetzt erstmal Betty und Marc zu uns ein und feiern das Ganze." Sie funkelte ihn an: "Und natürlich Joe und Ed nicht vergessen !" Er grinste: "Natürlich nicht !" Er hatte noch nie seine Enkel vergessen.

Am Abend saßen sie alle zusammen und feierten mit einem fetten Truthahn, obwohl gar kein Thanksgiving war. Alle waren fröhlich, besonders Joe und Ed alberten den ganzen Tag mit ihrem Großvater rum. Der wiederum war etwas unruhig geworden. Es roch irgendwie in letzter Zeit so... so vertraut, aber doch komisch. Er konnte den Geruch nicht genau einordnen, wußte aber, daß er ihn kannte, und schlimmer noch: Der Geruch machte ihm Angst.

In der Nacht wachte Frank auf, weil er Durst hatte. Er stand auf und ging zum Kühlschrank in die Küche. Dort angekommen, war der Geruch auf einmal wieder da. Ammoniak ! Und auf einmal erinnerte er sich wieder an alles ! Er drehte sich um und dort stand er auch schon. Ein direkterer Verwandter als Joe, Ed oder Betty es jemals hätten sein können. "Wrotok !" sagte die Person in der Ecke. Frank hatte schon lange nicht mehr seinen richtigen Namen gehört. Und schon gar nicht in dieser für ihn entfernten Sprache. Wie lange war es her ? 30 Jahre ? 40 Jahre ? Nein, das letzte Mal war länger her, eher 50 Jahre !
Frank setzte sich auf einen Stuhl und starrte den Walidaner an. "Die Invasion findet doch statt ?" fragte Frank in seiner alten Sprache. Der Walidaner sagte: "Was dachten Sie denn, Oberst Wrotok ? Das Projekt lief die ganze Zeit weiter. Jetzt ist der Zeitpunkt des Kampfes gekommen ! Ich bin Ihr Verbindungsoffizier, Oberst Schkatz. Ich habe Befehle für Sie !" Grüner Schleim tropfte aus seinem grauen Riech- und Sprachorgan und fiel in die dafür vorgesehene Mulde am Kinn. Zu wenig Stickstoff in der Luft und die Tatsache, daß er keinen Helm trug, machte einen nicht genetisch angepaßten Walidaner anfällig für Erkältungen.
Frank fand, daß diese Erscheinungsform ausgesprochen eklig aussah und erschrak. Er war doch identisch, nur genetisch angepaßt ! Wie konnte er dieses Aussehen als widerlich empfinden ? Schkatz gab ihm einen Zettel aus einem federleichten Material. Die Technik war seit dem letzten Zusammensein mit anderen Walidanern verbessert worden. Oder sie hatten in anderen Planetensystemen gewildert und wieder einmal Erfindungen gestohlen. Nachdem Frank den Zettel berührt hatte, merkte er, wie etwas seinen Arm hochkroch. "Was ist das denn ?" schrie er. "Ruhig ! Wollen Sie alle aufwecken ? Das ist das Neueste auf dem Gebiet der Informationsübertragung ! Damit werden die Daten über die Nervenbahnen in Ihr Gehirn transportiert. Ich muß weiter, wir müssen noch 50 andere Agenten instruieren." Er verschwand in einem Lichtkegel und Frank war alleine mit dem Schmerz in seinem Arm. Ob das Ganze überhaupt an seinen jetzigen Körper angepaßt war ? Nach 10 Minuten hatte er tatsächlich Bilder und Lagepläne vor Augen als hätte er sie auswendig gelernt.

Doch was nun ? Er konnte sich nicht einfach gegen seine Familie wenden. Seine Tochter war seine Tochter, auch wenn sie genetisch größtenteils menschlich war. Ebenso seine Enkel. Auch seine Frau liebte er über alles. Lieber würde er sterben, als sie alle im Stich zu lassen. Er grübelte ein paar Minuten vor sich hin und entschied sich, eine Nacht darüber zu schlafen. Laut seinen Instruktionen dauerte es noch eine Woche, bis weitere Befehle zu einem Angriff kamen.

Am nächsten Morgen wachte Frank auf, weil ihm die Sonne ins Gesicht schien. Die Jalousie war hochgezogen. Es war schon nach 10 Uhr. Er stand auf und ging in die Küche, wo seine Frau Frühstück gemacht hatte. Der Fernseher war an und passenderweise lief eine Wiederholung der alten Serie "Mein Onkel vom Mars".
"Guten Morgen Schatz" sagte Rosy. "Ich wollte Dich nicht wecken, jetzt wo Du aufstehen kannst, wann Du willst. Natürlich muß der Rasen gemäht werden und..." Sie lachte. Er grinste etwas mürrisch und setzte sich wortlos hin. Immer noch hatte er finsterste Gedanken. Er würde sie niedermetzeln müssen, wie er das vor einer Ewigkeit trainiert hatte. Grauenhaft ! Das konnte er einfach nicht. Schließlich fing er an zu weinen. "Mein Gott, was ist denn nun los ?" fragte Rosy. "Du mußt ja nicht Rasen mähen, wenn Du nicht willst..." Er wischte sich mit einem Taschentuch die Augen und meinte: "Nein, das ist es nicht. Aber ich habe etwas zu erzählen und Du wirst bitte zuhören, bis ich am Ende bin. Kein Einwand. Kein Dazwischengeplappere, sei einfach ruhig und hör zu..." Und er erzählte ihr alles. Wo er herkam, was er in Wirklichkeit war, und daß er die Vorhut einer Invasion war, die vor 50 Jahren hier abgesetzt wurde. Daß er genetisch verändert wurde, so daß er sogar bei Gentests als Mensch durchging.
Als er am Ende der Erzählung war, saß Rosy steif da. "Das ist ein Rentnerscherz oder sowas ?" Sie wußte nicht, was sie davon halten sollte. Er erwiderte: "Ich beweise es Dir auf die radikale Art. Unsere Körper haben eine unglaubliche Regenerationsfähigkeit aus eurer Sicht. Selbst mit genetischer Veränderung..." Er nahm ein Messer und schnitt sich den kleinen Finger an der linken Hand ab. Sie schrie auf: "Um Gottes Willen ! Bist Du verrückt ?" Aber mitten im aus der Hand laufenden Blut bildete sich schon wieder ein neuer Finger. Fasziniert starrte sie auf seine Hand als er sie hochhielt. "Glaubst Du mir jetzt ?" Sie wich vor ihm zurück und stammelte: "Oh Gottogott..." Er hielt sie fest und sagte: "Warte, bevor Du mich verurteilst: Du und meine Familie gehen mir über alles. Lieber sterbe ich, als daß ich die Hand gegen euch erheben würde. Ich bin seit 50 Jahren hier. Ich lebe wie ein Mensch, ich fühle wie ein Mensch. Schlimmer noch: Ich finde das Aussehen von Walidanern widerwärtig. Ich gehöre hierher und nicht mehr zu ihnen." Sie zerrte an seiner Hand bis er losließ. Sie rannte raus, aber er hielt sie nicht auf. Es schien als hätte er verloren. Auf ganzer Linie. Da war nur noch ein Ausweg.

Er ging zum Schuppen hinter dem Haus und öffnete den Waffenschrank. Die Schrotflinte würde reichen. Er sägte den Lauf ab, nahm die Waffe und ging runter zum Fluß. Am Fluß stehend rannen ihm wieder Tränen aus den Augen, aber es gab keine andere Möglichkeit. Er hatte den Lauf der Waffe schon im Mund, da rief Rosy: "Nein, tu's nicht !" Sie kam angerannt und schrie: "Wir finden eine Lösung !" Er schmiß die Waffe hin und Rosy sprang in seine Arme. Sie umarmten sich lange. Dann sah er, daß auch sie Tränen in den Augen hatte. Er sagte: "Was sollte es sonst für eine Lösung geben ? Auch wenn Du mir glaubst, es wird doch sonst fast niemand tun." Sie schluckte und sagte: "Ich habe bei Jack angerufen. Er war nicht verwundert, denn Du bist nicht der einzige. Wir sind nicht die einzigen in dieser Situation..." Jack war bei der U.S. Army. Es war nie klar gewesen, bei welcher Abteilung. Jetzt war es so gut wie sicher: beim militärischen Geheimdienst.

Noch am gleichen Tag fuhren sie zu Jack. Im Haus warteten diverse Soldaten auf ihn. "Du mußt verstehen, daß wir vorsichtig sein müssen. Was, wenn doch einer von euch eine Bombe mitbringt ?" Frank lächelte: "Wenn einer von uns etwas derartiges mitbringen würde, dann würde das doch keiner von euch finden." Dann folgte die Ausfragerei. Blut- und DNA-Tests, die mittlerweile so gut waren, daß sie die Originalgene sichtbar machen konnten. Die Menschen wurden wohl unterschätzt. Frank fragte: "Wie viele von uns sind schon übergelaufen ?" Jack überlegte kurz und meinte dann: "Ich weiß nicht, ob ich Dir das sagen darf. Aber sagen wir mal so, ein Stadion voll würde nicht reichen..."
Es gab diverse Diskussionen, daß natürlich auch in der Army Walidaner gefunden wurden, die aber ebensowenig bereit waren, zu kämpfen. Schließlich zogen die Soldaten aus Jacks Haus ab. Sie waren allein: Jack, Jacks Frau Helen, Betty und Frank. "Wie geht es nun weiter ?" fragte Frank. Jack antwortete: "Mit euren Informationen können wir den Tag der Ankunft ruhig abwarten und alle strategischen Sicherheitspunkte absichern. Diverse Regierungen auf der Erde sind informiert, auch sie hatten Tausende von Überläufern. Im Grunde können wir nur um Hilfe und Informationen bei euch bitten. Du scheinst einer der ältesten zu sein. Warst Du schonmal bei einer Invasion dabei ? Wenn ja, was passiert da ?"

Frank sah zu Boden: "Ja, wir werden generell viel älter als ihr. Und ich war auch schon bei einer Invasion dabei. Es werden keine Gefangenen gemacht, es sei denn, die Technologie scheint zu kompliziert. Dann ist es sinnvoller, ein paar Gefangene zu haben, die einem alles erklären. Ansonsten wird alles niedergemacht. Keine Überlebenden..."

Entsetzen stand in den Gesichtern. "Wozu ? Ist Dein Volk so groß, daß es diverse Planeten braucht ?" Frank sah Jack in die Augen: "Nein, wir räubern nur und ziehen dann weiter. Wir haben diverse Planeten als Hauptstützpunkte, zu denen das Material zurück transportiert wird. Aber die beraubten Planeten werden zerstört. Auch, um keine Feinde zurückzulassen, die uns später mal bedrohen könnten. Das Universum ist groß und es gibt so viele Kulturen. Wir hatten auch schon Niederlagen. Eine Niederlage ist für uns: Der Gegner verhindert die Invasion, weil er zu stark ist. Dann wird der betreffende Planet gesprengt, ohne daß wir was erbeuten. Eine totale Niederlage wäre, wenn der Gegner selbst das verhindert und uns bis zu unseren Stützpunkten verfolgt. Das ist bisher noch nicht passiert." Die Ruhe im Raum war deutlich zu spüren. Rosy zitterte und sagte: "Und ich dachte immer, ich wäre mit einem Humanisten verheiratet..." Frank sagte nur: "Das bist Du auch."

Der Zeitpunkt der Invasion rückte näher. Einen Tag davor war die Spannung deutlich zu spüren. Die Army hatte komplette Mobilmachung angeordnet. Es waren planetenweit über 500000 Walidaner übergelaufen, aber wieviele noch unentdeckt waren, wußte niemand. In den USA hatte man mit Bluttests in dieser Woche über 1000 Personen überführt und dann inhaftiert, wie Frank aus den Telefonaten Jacks rausgehört hatte. Nicht jeder Walidaner war glücklich mit seiner Lage als Mensch und deshalb auch nicht immer bereit, überzulaufen.

Aber es blieb bis zum Abend ruhig. Um 2 Uhr nachts lief der letzte Countdown. Nur noch 1 Stunde bis zum Start. Schließlich war es 3 Uhr und nichts war passiert. Die Überläufer waren ebenso wie ihre menschlichen Partner bis an die Zähne bewaffnet. Die Bevölkerung hatte man mittels direkter Hausbegehung bewaffnet, so daß nichts über die Medien in den Himmel drang. Man war auf alles vorbereitet. Um 7 Uhr war die Verwirrung weltweit perfekt. Was war passiert ? Waren die Daten falsch ? War etwas dazwischengekommen ? Die Presse war jedenfalls nicht länger ruhig zu halten, im Fernsehen wurde über den größten Fake des Jahrhunderts berichtet. Die Soldaten waren mittlerweile übermüdet und wurden nach Hause geschickt.

Auch Frank war wieder bei seiner Familie und konnte sich das Ganze nicht erklären. Bisherige Invasionen waren immer so präzise gewesen. Auf einmal hörte er einen schrillen Ton. Der Ton tat weh. Sehr weh. Aber außer ihm schien niemand diesen Ton zu hören. Er drehte durch. Nach 10 Minuten hatte er im Wahn seine ganze Familie ermordet und ging in voller Bewaffnung aus dem Haus. Draußen konnte man die Raumschiffe sehen, wie sie die Gegend mit Raketen und Strahlenwaffen traktierten. Aber das bekam er nicht mehr mit, er taumelte vor sich hin und schoß auf alles, was sich bewegte.



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