Eine leichte Schwere

von Udo Wolter
© 2001 (Erstveröffentlichung)

Wally hat einen schwierigen Job. Naja, der Job an sich ist nicht so schwierig, aber die Stadt, in der er ihn ausführt, macht die Arbeit kompliziert. Wally ist Killer in New York. Und Wally ist genau. Manchmal fast zu genau. Aber wahrscheinlich ist seine Genauigkeit der Grund für sein Überleben. Denn Wally ist schon lange jenseits der 50 und ist eigentlich schon länger dabei, sich etwas für ruhige Tage zur Seite zu legen. Momentan sind gerade alles andere als ruhige Tage.

Vorgestern hat Wally in Chinatown 2 Chinesen erschossen. Bei Auftragsannahme hatte er sich schon gedacht, daß es Wirbel geben wird, aber daß das Geschrei dermaßen groß wird, hätte er nicht erwartet.

Er war aber wieder äußerst vorausschauend ans Werk gegangen. Er hatte sich die Haare vorher dunkel eingefärbt. Sich Stoppeln wachsen lassen. Sich eine Strumpfhose über das Ganze gestülpt. Außerdem noch Mini- Stelzen, die ihn ca. 4 cm größer machten und mit denen er 3 Tage vorher versucht hatte, das Gehen, Laufen und Rennen zu lernen. Er hatte auch seine Kleidung ausgestopft, so daß er aussah wie ein aufgeblähter Boxer, Typ Disco-Türsteher. Mit anderen Worten, er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit maskiert.

Und wie man jetzt sieht, war diese Voraussicht nicht übertrieben. Chinatown war jetzt den 3. Tag in hellem Aufruhr. Er bekam das wunderbar mit, weil er in einem Haus wohnte, daß zwar schon zu Little Italy gehörte, von dem aus aber der ganze Zirkus gut zu beobachten war. Die beiden Kerle, die er umgenietet hatte, waren 2 große Gangsterbosse, aber welche, die ihr Geld auch großzügig unter den eigenen Untertanen verteilten. Wohl auch, um das typisch chinesische Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Zuckerbrot und Peitsche, wie bei den alten Römern.
Jedenfalls wurde er gesehen, sogar recht deutlich, denn es wurde ein ca. 2 Meter großer Mann mit dunklem Haar und kräftiger Statur gesucht. Immer wenn Wally an den Fahndungsplakaten vorbeiging (nicht die offiziellen der Polizei, sondern die einer ominösen Bürgerwehr), mußte er schmunzeln. Ein typischer Muskelprotz. Er dagegen war eigentlich etwas unterernährt.

Aber die Menschen werden sich auch wieder beruhigen. Er hatte unterdessen schon wieder einen Auftrag bekommen. Seine Auftraggeber schienen sehr zufrieden zu sein. Kriegt man Wally nicht, kriegt man auch seine Auftraggeber nicht. Macht Wally einen Fehler, so werden ihn seine Auftraggeber schnappen, bevor ihn die Polizei oder jemand anders in die Finger bekommt.

Sein jetziger Auftrag ist dagegen ein Kinderspiel. Er soll zur 8. Avenue gehen und dort in einem Haus an der 35. Straße einen alten Mann umbringen. Nach den vorliegenden Informationen handelt es sich um einen schwedischen Professor.

Mehr wußte Wally nicht. Die Idee war ganz einfach. Warten, bis nur noch ein Licht an ist, das wird der Professor sein. Er wußte das aus Erfahrung. Er hatte schon 7 Wissenschaftler umgebracht und dabei mitbekommen, daß sie alle Nachttiere sind.
Überhaupt war das Wort "Tier" zutreffend. Wissenschaftler denken bei ihrer Arbeit an nichts anderes. Sie nehmen nicht einmal die Realität um sich herum wahr und später kommt es dann zu einem völligen Realitätsverlust.

Um 2 Uhr morgens geht endlich das letzte Licht bis auf eins aus. Ganz klar, hier muß er sein. Im 3. Stock. Wally fängt an wie immer. Auch diesmal ist er etwas verkleidet, aber nicht ganz so stark wie beim letzten Mal. Er hat etwas Make-up drauf, was seine irische Blässe etwas überdeckt. Die Haare sind auch wieder leicht angedunkelt. Aber ebenfalls nicht so stark wie vorgestern.
Die Türen sind für Wally ein Kinderspiel. Leicht zu bewältigen. Leicht einzudringen. Dann kommen die Vorsichtsmaßnahmen. Der erste Lichtschein. Jetzt heißt es Ruhe bewahren. Er duckt sich hinter einem Schrank, um die Szene zu beobachten. Der Professor hält eine Art Pistole in der Hand und hat sie auf einen Teller mit Flüssigkeit gerichtet. Dann ein Strahl aus der Pistole und der Teller beginnt zu schweben. Ebenso die Flüssigkeit darin, die in Kugeln aus ihm rausschwappt. Unglaublich ! Wally war nie gut in der Schule, aber er hatte genug Astronauten-Juxereien im Fernsehen gesehen, um zu verstehen.
Sein ultimatives Werkzeug ! Voller Faszination schmeißt er aus Versehen eine Lampe um. Durch das große Getöse fährt der Professor herum und schießt mit der Pistole auf den Schrank. Der hebt sich schlagartig und Wally steht ohne Deckung da. Der Professor sieht Wally mit Schrecken in den Augen und zielt auf ihn. Wally hat seine Kanone schon im Anschlag und drückt gleichzeitig ab. Doch zu spät. Der Strahl hat ihn getroffen. Wenn auch nicht lang. Der Professor ist durch den Druck der 45er umgefallen und hat die Strahlenpistole verloren. Er lebt noch, ist aber praktisch bewegungsunfähig. Wally ist ebenso bewegungsunfähig, denn er klebt an der Decke. Mit rudernden Bewegungen versucht er sich fortzubewegen, aber nur ein Abstoßen mit den Füßen scheint etwas zu bewirken. Am Boden angelangt zieht er sich mit den Händen am Teppich in Richtung regungslosem Professor. Dieser atmet noch, stammelt aber schwedische Worte vor sich hin. Wally versucht, ihm ein Glas Wasser an den Mund zu drücken, damit er noch eine Minute mit ihm reden kann.

Wally: "Was ist das für eine Waffe ? Los ! Rede !" Professor: "... keine ... Waffe. Segen ... für Menschheit. Der ... Weltraum ..."

Dann sackt er zusammen und aus seinen Lippen entweicht das letzte von der Lunge verarbeitete Kohlendioxid. Wally redet vor sich hin: "Segen ? Armer alter Mann. Jede Erfindung kann man zum Guten und zum Schlechten benutzen. Dein Spielzeug hat gerade den Wechsel auf die dunkle Seite gemacht..."

Aber Wally ist kein Idiot. Natürlich weiß er jetzt, woran der Auftraggeber interessiert ist. Folglich wird alles eingepackt, was wichtig aussieht und ein Feuer angezündet. Möglichst nur an einer Stelle, damit es nicht so offensichtlich nach Brandstiftung aussieht.

Die Meldung beim Auftraggeber, daß etwas schiefgegangen sei und er verletzt wurde, kommt nicht gut an. Sein Auftraggeber ist natürlich gar nicht darüber erfreut, daß der Professor es geschafft hatte, seine Unterlagen mit ins Feuer zu nehmen. Aber aufgrund der Verletzung kann Wally sich frei nehmen.

Er fuhr mit dem Auto nach New Jersey und von da mit dem Zug nach Atlanta. Wiederum verkleidete er sich und ging in eine Bibliothek. Hier galt es, ein paar Schulstunden Physik nachzuholen. Er hätte das sicher auch im Internet machen können, aber da hinterläßt man Spuren. Wer dagegen interessiert sich heute noch für Büchereien ? Außerdem war Atlanta weit weg von New York und er hatte bisher keine Verfolger bemerkt.

Da Wally die Pistole auch zwischendurch öfter ausprobiert hat, so z.B. um einen Zug auf der Strecke zwischen New Jersey und Atlanta entgleisen zu lassen, ahnt er so langsam, was es damit auf sich hat. Nach dem Durchstöbern der Unterlagen des Professors (er konnte zwar kein Schwedisch, aber einige Unterlagen waren doch auf Englisch) und den diversen Physik-Büchern dieser Bibliothek war klar, was Wally da in der Hand hatte.

Es gibt eine Theorie, nach der Gravitation eine Kraft ist, die mittels Gravitonen übertragen wird. Diese Teilchen haben eine eindeutige Richtung und es wird angenommen, daß sich ihre Bewegung gleichmäßig in eine Richtung fortsetzt. Es gibt diverse Forscher, die versuchen, die Richtung der Gravitonen umzudrehen oder sogar sie zu verstärken.

Die Pistole des Professors konnte scheinbar beides laut den Unterlagen, aber immer nur für kurze Zeit. Es schien, als ob die Wirkung stärker würde, wenn man länger auf ein Objekt feuert. Bisher hatte Wally es nur geschafft, die Waffe in Richtung Anti-Gravitation zu nutzen. Aber der andere Weg schien ihm verwehrt.

Nach 3 Tagen Bücher wälzen machte er einen Ausflug in die freie Natur. Er hatte sich ein starkes Seil besorgt, welches er um einen Baum schlang. Dann knotete er sich das andere Ende des Seils um seine Taille. Das Experiment konnte beginnen.

Die Waffe in der Hand steht Wally ruhig da. Ein Rundumblick mit dem Fernglas beruhigt ihn zusätzlich: Niemand in der Nähe dieses Ackers zu sehen. Er schießt auf seinen Fuß. Nur kurz. Er steigt etwas auf und gleitet kurze Zeit später wieder zu Boden. Dann feuert er nochmal. Diesmal etwas länger. Der Aufstieg beschleunigt sich geradezu mit einer gewaltigen Macht. Aber nach ca. 1 Minute Aufstieg beginnt schon wieder das langsame Absinken. Dann noch ein Versuch. Beständiges Feuern auf den eigenen Fuß. Wally steigt und steigt und steigt. Das Seil ist fast 500 Meter lang und er merkt, daß er bei der Höhe doch besser eine Jacke hätte mitnehmen sollen. Schließlich strafft sich das Seil. Es zerrt an seinem Bauch. So stark, daß es weh tut. nach 10 Minuten immer noch keine Änderung. Panik ! Wally versucht sich am Seil runterzuhangeln. Aber es ist unglaublich schwer, es scheint als ob er sein ganzes Gewicht nicht runterzerren, sondern praktisch hochziehen muß. Bei der Hälfte des Wegs immer noch keine Änderung. Er wickelt einen Teil des Seils um seinen Fuß, um eine Verschnaufpause einzulegen. Jetzt kann er wenigstens nicht weiter aufsteigen. Trotzdem fragt sich Wally, ob er jeweils wieder normales Gewicht haben wird. Ohne Seil wäre er schon längst im Weltraum erstickt oder sein Blut hätte im Unterdruck angefangen zu kochen.

Nach einer Stunde erschlafft das Seil um seinen Bauch. Er fällt zwar nicht, aber er steigt auch nicht weiter auf. Es scheint, als ob jetzt das Gleichgewicht erreicht sei. Nun ist es Zeit sich nach unten zu hangeln. Jetzt geht es doch deutlich leichter, er muß sich nur kurz anstupsen und schon fliegt er der Erde entgegen. Unten angekommen wird er scheinbar immer schwerer und nach einer weiteren Stunde ist wieder alles ok. Die Pistole fängt an zu piepen, ein Zeichen leuchtet auf: Die Batterie ist fast leer.

Gut, der erste Test war sehr erfolgreich, jetzt geht es darum, die Gravitationsverstärkung hinzubekommen und dann den Dienst wieder anzutreten.

Nach einer Woche fuhr er zurück nach New York. Dort erwartete ihn schon ein Anruf. Wieder ein Auftrag. Dringend. Wally beschloß, es diesmal mit der neuen Waffe zu machen. Er sollte einen Hafenarbeiter umlegen, der einen der großen Bosse beklaut und auch noch damit rumgeprahlt hat.

So ging Wally also zu den Piers auf der Westseite und wartete, bis der dortige Feierabend nahte. Wally hatte sein Opfer schon ausgemacht und ging hinter ihm her, bis der Arbeiter in eine Lagerhalle ging. Wally ging hinterher, und peilte drinnen die Lage.

Niemand zu sehen. Alles totenstill. Plötzlich ein Geräusch hinter ihm. Wally dreht sich um und schießt ohne zu zielen. Aber er trifft genau sein Opfer, das hinter der Tür auf ihn gewartet hatte. Ganz verdutzt fliegt der Mann leicht nach oben. Wally hält weiterhin drauf und drückt den Abzug weiter durch. Der Mann fliegt nach oben und scheint zu beschleunigen. Schließlich prallt er an die Decke. Ein Schmerzensschrei ertönt. Wally hält weiter drauf. Die Decke knirscht, aber sie gibt nicht nach. Es sind Stahlträger mit einer leichten Betondecke und Holzverkleidung. Wally schießt weiter und plötzlich passiert es. Der Körper an der Decke zerplatzt ! Blut spritzt zur Seite, fällt aber nicht auf den Boden, sondern zurück zur Decke und bildet dort große Lachen. Diverse Fleischstücke und Stoffetzen sind auszumachen, die die Decke farblich bunt übersäen. Wally läßt den Abzug los. Man kann sehen wie Holz absplittert und etwas vom Beton runterbröselt. Es sieht nach guter Arbeit aus, aber jetzt heißt es: Verschwinden ! Schließlich könnte die Batterie ja wieder leer laufen.

Am nächsten Tag war die Schlagzeile auf allen Zeitungen zu sehen: Mysteriöser Todesfall im Lagerhaus ! Jetzt erst hatte er gemerkt, daß es dumm war, die Waffe gleich voll einzusetzen. Seine Auftraggeber werden merken, daß er gelogen hat und ihm jemand vor die Tür setzen, der ihm alles wieder abnimmt. Und Wally danach umlegt. Ein Kollege gewissermaßen. Tatsächlich dauerte es nicht lang.

Wally sitzt am Fenster und wartet. Ein Auto parkt direkt vor seinem Haus. Ein unscheinbar gekleideter Mann steigt aus und verschwindet aus Wallys Blickwinkel. Eigentlich ist die Wohnung kein geeigneter Ort für eine Auseinandersetzung.
Aber es ist soweit. Die Tür springt aus den Angeln und ein etwas übergewichtiger Mensch tritt über die Schwelle. "Du weißt, weswegen ich komme ?" fragt der Mann. "Ja." sagt Wally. Und wieder schießt er als erster. Doch der Killer fängt nicht an zu fliegen ! Wally gerät in Panik und schießt weiter. Aus dem Mund des Mannes kommt nur ein Röcheln und schließlich bricht er auf dem Teppich zusammen.

Was war denn nun passiert ? Wally ging zu dem leblosen Körper und versuchte, den Kopf des Mannes anzuheben. Doch es ging nicht. Er war zu schwer. Wie konnte das sein ? An der Kanone ist doch nichts geändert worden ? Er suchte die Pistole ab und fand nach 10 Minuten einen Draht, der aus der Waffe raushing. Das schien das einzige zu sein, was es an Veränderung gab. Wally zielte auf seinen Aschenbecher auf dem Tisch. Nach 5 Sekunden zerbarst der Aschenbecher und der Tisch bekam diverse Risse. Wally steckte den Draht in die Pistole und feuerte nochmal auf die Überreste des Aschenbechers. Und tatsächlich: die Glassplitter erhoben sich !

Auf einmal ein Röcheln. Der Killer ! Er war noch nicht tot und die Wirkung ließ nach. Wally ging hin und entwaffnete ihn. Dann trat er ihm auf beide Handknöchel, um ihm die Handgelenke zu brechen. Zur Sicherheit, falls er weiter seinem Auftrag nachgehen wollte. Der Mann heulte auf. Wally zerrte ihn auf die Couch und wartete, daß er die Augen aufmacht. Wally hielt ihm seine Kanone vor die Nase und fragte ihn aus: "Wer bist Du und vor allem: wer hat Dich geschickt ?" Der Killer spuckte einen Zahn und etwas Blut auf Wallys Teppich und röchelte: "Was glaubst Du denn ? Der Papst ? Hahahaha..." Das Lachen erstarb, als Wally mit seiner Standardwaffe inklusive Schalldämpfer, ihm in den linken Unterarm schoß. Der Killer jammerte vor sich hin: "Du Sau ! Die werden Dich kalt machen ! Das wirst Du nicht überleben !" Wally sah ihn eindringlich an. "Mag sein, aber vorher nehme ich noch jemanden mit. Du rufst jetzt Deinen Auftraggeber an, der Auftrag wäre erledigt, aber Du könntest die Unterlagen nicht finden." Der Killer grinste breit und meinte: "Ok, her mit dem Telefon." Wally sagte: "Wenn Du das Falsche sagst, bist Du danach tot." Der Killer sagte die Nummer an, die Wally wählen sollte und dann hielt ihm Wally den Hörer ans Ohr. "Ja, hier ist Vince. Gib mir mal Luigi. Ja, ich warte..." Nach einer endlosen Minute des Schweigens: "Ja, Luigi ? Hier ist Vince. Ich bin bei dem Kerl und es sieht so aus als wenn ich gleich tot bin aber er..." Wally hatte schon aufgelegt. "Das war aber dumm."
Nachdem Wally ihm eine Kugel zwischen die Zähne verpaßt hatte, hielt er mit der Wunderwaffe auf Vinces Körper. Er erhob sich auch prompt und Wally zog ihn zum Fenster und stieß ihn raus. Er flog langsam nach oben und Wally feuerte mit der Gravitationswaffe weiter auf den leblosen Körper, bis er nicht mehr anzupeilen war.

Dann rief er die Nummer nochmal an. "Ich will mit Luigi sprechen. Nein, sofort. Vince ist tot." Nach einer halben Minute war Luigi am anderen Ende: "Wally, Du mußt das verstehen, Du hast da etwas, was uns gehört." Wally sagte: "Ich kann euch die Unterlagen des Professors schicken, aber die Kanone bleibt bei mir. Ich habe keine Lust auf einen internen Krieg." Luigi tat schmierig freundlich: "Aber wir doch auch nicht ! Du mußt aber zugeben, daß Du Dich nicht sehr ehrlich uns gegenüber verhalten hast. Wir vertrauten Dir und Du hast unser Vertrauen gebrochen. Du hast uns angelogen !" Wally überlegte: "Von der Kanone hattet ihr nichts gesagt, folglich bleibt es mein Berufsgeheimnis. Letztes Angebot: Ihr bekommt die Unterlagen und ich bin eh morgen weg aus der Stadt." Luigi schwieg am anderen Ende. Dann Gemurmel. "Also gut. Wir sind natürlich nicht völlig verblödet. Aber wir wollen Deine Fresse in unserem Einzugsbereich nicht mehr sehen. Du hast 24 Stunden. Wenn die Pläne bis dahin nicht hier sind, werden wir uns mit den anderen Familien des Landes beraten..." Eine solch starke Drohung hatte Wally noch nie gehört ! Das taten sie wirklich selten, seine Lage war also schlimmer als angenommen.
Er legte auf und packte einen Rucksack. Er zog den Teppich etwas zur Seite bis ein kleines Loch unter der Couch zu sehen war. Dort lag sein Geld und er stopfte es in den Rucksack.
Dann nahm er die Unterlagen des Professors und stopfte sie ebenfalls in den Rucksack. Er hetzte die Treppe hinunter und ging zum nächsten Copyshop, wo er die Unterlagen kopierte. Dann beeilte er sich, um noch zur Grand Central Station zu kommen. Ein Taxi war zwar zur Rush-Hour etwas blödsinnig, aber in der U-Bahn hatte Luigi zu viele Leute auf der Lohn-Liste.
Dort warf er den Brief mit den Unterlagen in einen Briefkasten und fuhr dann mit einem anderen Taxi zu einer Autovermietung am Flughafen JFK. Dort nahm er dann seine Fahrt in Richtung Westen auf. Am Abend war er in Pittsburgh. Hatte er seine Verfolger abgeschüttelt ? Hatte er überhaupt welche gehabt ? Nach 2 Wochen war er dann endlich dort angekommen, wo man der Mafia eher gegen das Knie tritt als im Rest der USA. In Las Vegas. Dort war die Gier nach Geld dermaßen übermächtig, das es kaum Banden gab, die längere Zeit ihre Strukturen halten konnten. Wer schlau war, kaufte sich bei den Industriebossen und ihren Hotels ein, sozusagen als stiller Teilhaber und auch, um die Drogengelder zu waschen. Aber wer hier offensichtlich krumm kam, konnte mit der Army vor seinem Haus rechnen. Das hieß nicht, daß er nicht auch hier Luigis Männern begegnen könnte, aber hier würden sie sich gut überlegen, ob sich ein Krieg auf diesem Boden lohnt. Las Vegas hat als Hauptziel die Ruhe, sonst kommen keine Touristen, die ihr Geld verspielen.

Nach mehreren Wochen war die Spannung von Wally abgefallen. Er benutzte die Waffe um diversen Touristen ihre Brieftaschen aus den Hosentaschen zu entwenden. Davon ließ sich sehr gut leben, und nachts war das Risiko, entdeckt zu werden praktisch bei Null. Die Reichweite der Waffe betrug ca. 500 Meter, der Strahl war ziemlich durchsichtig, damit nachts kaum auszumachen und Wally hatte ein kleines Zielfernrohr auf der Waffe befestigt.

Die Wochen vergingen und plötzlich bekam er Besuch. Wally saß vor dem Hotel Venetian und gammelte rum als sich eine Frau neben ihn setzte. Sie sah ihn an und meinte: "Luigi weiß, wo Du bist." Blankes Entsetzen ! "Und ? Werdet ihr mich jetzt doch umlegen ?" Sie guckte an Wally vorbei und sprach: "Nein, der Groll ist verflogen. Sie haben das Ding nachgebaut, aber es scheint niemand so geschickt im Umgang damit zu sein wie Du. Alles das, was Du hier seit Monaten machst, wurde auch in New York ausprobiert. Du bist besser als jeder andere." Er sah den fahrenden Autos auf dem Strip hinterher. "Ich war also nie allein hier." - "Nein." Sie sah ihn an: "Aber wenn wir Dich hätten töten wollen, wärst Du schon lange weg vom Fenster, auch in Vegas. Wahrscheinlich wärst Du nichtmal so weit gekommen." Wally war erstaunt. "Und was wollt ihr jetzt von mir ? Daß ich zurückkomme und wieder für euch arbeite ?" Sie lachte. "Nun ja, es mag komisch klingen, aber Dein Weggang hat in New York einigen Staub aufgewirbelt. Du warst der einzige, der hundertprozentige Arbeit geliefert hat. Praktisch fehlerlos. Und dann sowas. Da gibt es Diskussionen der Art: Einem guten Mann muß man sein Privatvergnügen lassen. Und viele andere Meinungen dieser Art. Du warst ja nicht unloyal, Du hast niemand verpfiffen und Dein Auftrag war ja auch nicht, die Kanone zu besorgen oder gar dort zurückzulassen." Wally schloß die Augen und lehnte sich zurück. "Ich bin zu lange raus aus dem Geschäft. Außerdem gefällt's mir hier." Sie stand auf. "Wenn das Deine Entscheidung ist, dann ist das sicher ok. Aber Du könntest mit Deinem Talent mehr verdienen als die läppischen Dollars, die Du jeden Abend klaust." Er grinste: "Na, immerhin sind es bis zu 3000 Dollar am Abend. In New York hatte ich manchmal Aufträge in dieser Preisklasse, da mußte ich mich mehrere Tage drauf vorbereiten." Beim Weggehen sagte sie: "Die Zeiten ändern sich. Die Methoden aber nie."
Als sie ein paar Schritte weg war, klang ihr letzter Satz nochmal in seinem Ohr. Sie hatte gelogen ! Sie hatten ihn erst jetzt aufgespürt ! Aber es war zu spät. Er konnte fühlen, wie er aufstieg.

Ein paar Touristen sehen ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Wally fühlt sich leicht, so leicht. Immer leichter und immer schneller steigt er auf. Er ist auf einmal weit oben, er kann die Hotels von Las Vegas sehen, wie sie kleiner werden und kleiner. Selbst die Achterbahn auf dem Stratosphere Tower wird immer kleiner. Er zückt nochmal seine Kanone und guckt durch den Sucher. Da fällt ihm ein, daß er ja auch auf sich selbst schießen könnte. Er zieht den Draht heraus und versucht sich schwerer zu machen. Aber es funktioniert nicht. Wahrscheinlich schießen sie mit mehreren Leuten auf ihn. Die Batterie fängt an zu piepen und die Luft wird immer eisiger. Immer schneller steigt er auf. Das Atmen wird schwieriger und schließlich versagt sein Kreislaufsystem. Der schlaffe Körper steigt immer weiter bis er eine Höhe von ca. 30000 km erreicht hat. Dann stellt sich das Gleichgewicht ein und der Körper gleitet langsam wieder zur Erde zurück, bis er schließlich in einem kurzen Aufblitzen in der Athmosphäre verglüht.



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